Im Zeitalter der digitalen Fotografie gehen wir langsam in die erste Generation über, die nie mit Film gearbeitet hat. Ich selbst gehöre auch dazu! Doch ist es überhaupt noch sinnvoll sich vorher mit der analogen Fotografie zu beschäftigen ? Bringt es wirklich Vorteile und zusätzliche Kenntnisse oder hat es sogar Nachteile ? Oder sind analoge und digitale Fotografie von Grund auf verschieden ?
Gerne würde ich sagen, dass ich großen Respekt vor den alten, “richtigen” Fotografen habe. Doch leider versinken viele von ihnen gnadenlos in der Marktwirtschaft und die Qualität ihrer Fotos ist oft nicht mehr zeitgemäß. Natürlich ist nicht jeder erfahrene Fotograf schlecht. Ganz im Gegenteil, einige sind sogar sehr gut! Doch die meisten Helden der analogen Kameras haben den Sprung in die digitale Fotografie nicht geschafft.
Neue Ziele in der Fotografie
Zur Zeit der analogen Fotografie, waren die Anforderungen noch ganz anders. Fotografie war in erster Linie zu kompliziert für die Massen. Das Ziel eines Fotografen bestand hauptsächlich darin, mit schwierigen Lichtverhältnissen zu kämpfen und ein auf die Positionierung zu achten. Heute ist das aber ein komplett alter Hut. Mit dem RAW Format können Fotos um 1-2 Stufen in der Belichtung geregelt werden, ISO Werte ändert man in der Kamera und nicht durch den Film und alle Fehler werden digital ausgebessert. Selbst den Bildausschnitt wähle ich bei 90% meiner Fotos im Nachhinein neu. Was bleibt dann noch ? Die Bildsprache und der Computer!
Experimentieren ist modern
Da für Fotos kein Film mehr verschwendet wird, ist es heute möglich tausende Fotos zu machen, nur um neue Dinge aus zu probieren. Das fällt natürlich anfangs schwer, wenn man jahrelang mit dem Film sparen musste. Es ist aber sehr wichtig sich fotografisch aus zu toben, um neue und interessante Fotos zu bekommen. Denk nur mal an die ganzen modernen Fotos von Brautpaaren ! Probieren geht heute ganz eindeutig über Studieren.
Bildsprache steht jetzt im Vordergrund
Durch die stark vereinfachte Fotografie, kommt es heute hauptsächlich auf gute Bildkomposition an. Fehler in der Bedienung der Kamera können leicht ausgeglichen werden und überhaupt gibt es kaum noch etwas, dass man mit Hirn im Kopf falsch machen kann. Außerdem ist die Konkurrenz gestiegen! Stars, Sänger, Politiker, Krieg und Hunger werden aus tausenden Blickwinkeln fotografiert. Durchsetzen kann sich nur, wer beste Arbeit liefert.
Der neue Markt für Fotografie
Da es mit der digitalen Fotografie viel mehr Konkurrenz gibt, hat sich natürlich auch der Markt geändert. Warum soll eine Zeitung viele hundert Euro für ein Foto zahlen, das in gleicher Qualität von 40 Fotografen gemacht wurde ? Gerne verteufeln “die Alten” jene Fotografen, die mit den Preisen herunter gehen. Es heißt “Die machen den Markt kaputt!”. Doch stimmt das wirklich ? Oder sind einige nur nicht in der Lage mit der Zeit zu gehen ?
Schnelligkeit macht Stundenlöhne
Im Schnitt verdiene ich an einem Foto in einer Zeitung 40 Euro. Davon kann ich gut leben, da ich mich auf die Gegebenheiten eingestellt habe! Ein Foto kostet mich etwa 10 Minuten für das Klicken und 10 Minuten für Bearbeitung, Beschriftung und das Senden an die Agentur. Dazu kommt noch Anfahrt und Heimweg. Natürlich wird nicht jedes Foto gedruckt. Es ist aber ein ganz erträgliches Einkommen. Das funktioniert natürlich nur, wenn man mit dem Computer umgehen kann. Wer viele Stunden für Bearbeitung braucht, kann vielleicht noch in der Kunst Fuß fassen, aber in der professionellen Fotografie kommen dabei keine brauchbaren Stundenlöhne mehr heraus. Wer hingegen auf Bildbearbeitung verzichtet, verliert schnell seine Kunden an bessere Fotografen.
Computer und Fotografie
Da die Fotografie nun digital ist, gehört auch der Computer zum festen Arbeitsmaterial. Heute hat man keine Blitztabellen mehr im Kopf, sondern die Shortcuts von Lightroom! Der Mensch ist jedoch ein Gewohnheitstier. Wer 10 Jahre ohne Computer als Fotograf gearbeitet hat, tut sich oftmals schwer neues zu lernen. Schlechte Ausreden wie “Das eingefangene Bild darf nicht verändert werden !” kommen zum Vorschein. Natürlich nur ohne das Hintergrundwissen, dass die Kamera selbst ein Computer mit ziemlich schlechten Defaultwerten ist. Die digitale Bearbeitung von Fotos ist so elementar, dass kein professioneller Fotograf darauf verzichten kann. Es spielt nicht immer eine Rolle, ob man ein L- oder das Kit-Objektiv hat. Wer aber heute noch nicht bearbeiten kann, brauch sich nicht wundern, wenn er morgen kein Geld mehr verdient!
RAW statt Dunkelkammer
Als ich selbst mit der RAW Fotografie angefangen habe, sind meine Umsätze schlagartig angestiegen. Das führe ich auf eine viel höhere Bildqualität zurück ! Viele Pressefotografen trauen sich diesen Schritt nicht, da es auch auf die Bearbeitungszeit ankommt. Solltest du aber Hochzeitsfotograf sein und nicht mit RAW arbeiten, sieht es schon schlecht für dich aus
Wer Bearbeitungszeit hat, MUSS sie nutzen !
Ständig neue Trends
Fotografen sind heute ständig neuen Trends ausgeliefert. Noch vor Jahren hätten man nie ein Foto mit Fisheye-Effekt in einer Zeitung gedruckt. Heute ist das schon wieder ein alter Hut. Lens Babies, HDR, Verwacklungseffekte, Linsenkorrektur, Rauschreduzierungssoftware und viele andere Dinge prasseln beinahe täglich auf uns Fotografen nieder. Nicht alles davon wird wichtig. Aber wer die Trends nicht kennt, lernt die “klassische” Fotografie von morgen erst viel zu spät.
Gemeinsamkeiten zwischen analoger und digitaler Fotografie
Was können also die „alten Hasen“ von ihrem Wissen wieder verwerten und weiter verwenden ? Leider bleibt da nicht sehr viel.
Die Kompositionsregeln wie Goldener Schnitt oder Drittel Regel sind gleich geblieben. Auch Unterschiede zwischen Schwarz-Weiß-Fotografie und Farbfotografie sind ähnlich. Langzeitaufnahmen können erfahrene Fotografen oft besser einschätzen.
Etwas weniger zur Geltung kommt das Abschätzen von Blende und Belichtungszeit, da man diese über das Display sofort korrigieren und anpassen kann.
Beinahe unnütz ist das Wissen über Weißabgleich, da dieser bei der Nachbearbeitung im RAW gesetzt werden kann. Außerdem ist er dann auch wesentlich genauer, da man nicht schätzen muss, sondern neutrale Referenzflächen im Bild heran zieht und ihn mehrmals setzen kann.
Das Wissen um Brennweiten und deren Einfluss bleibt erhalten.
Kenntnisse zum entwickeln von Fotos sind nun wertlos und müssen digital von Grund auf neu gelernt werden.
Fotografie und Popkultur
Ein letzter und wichtiger Punkt ist die Veränderung in der Wahrnehmung von Fotografie. Während vor wenigen Jahren das Foto noch wirklich teuer und somit anspruchsvoll sein sollte, ist es heute viel wichtiger aktuellen Trends zu folgen und so die Geschmäcker der Kunden zu treffen. Das begründet sich einfach mit dem Preissturz und dem Bedürfnis nach individuelleren Fotos. Vor allem Hochzeitsfotografen können das bestätigen, da in diesem Bereich fast nichts mehr Klassisch gemacht wird. Die Trends betreffen aber auch Presse, Journalisten, Landschafts-, Portrait- und Studiofotografen.
Ich hoffe wirklich, dass sich niemand von diesem Artikel angegriffen fühlt. Er spiegelt nur meine erschreckenden Erfahrungen mit einigen Kollegen wieder. Es gibt natürlich auch einige, die den Sprung in die neue Zeit super geschafft haben und tolle Fotos liefern. Wieder andere fotografieren noch heute mit Film und bedienen so ihre spezielle Nische.
Anlass für diesen Artikel war ein Hochzeitsfotograf aus Österreich, der auf einer schlechten Website die miesesten Hochzeitsfotos präsentiert. Grade Hochzeitsfotografen tragen eine hohe Verantwortung. Da ich niemanden direkt an den Pranger stellen möchte, poste ich den Link zu seiner Website nicht. Leider habe ich bei vielen älteren Fotografen mangelhafte Arbeit wie diese beobachten können.
Kopf hoch und lernen !
Sachliche Kommentare und Meinungen sind willkommen. Ich würde mich auch über gute Gegenbeispiele freuen. Hast du schon mit Film gearbeitet und machst heute tolle digitale Fotos, poste doch einfach einen Link zu deiner Website.

Hallo,
ich finde deinen Kommentar äußerst überheblich. Ich bin mit 45 von der analogen zur digitalen Fotografie gewechselt und hatte damit überhaupt kein Problem. Allerdings hatte ich durch meinen Beruf auch eine große Erfahrung mit Computern. Meiner Meinung nach unterscheidet sich das analoge oder digitale Fotografieren nicht fundamental. Wer analog gute Bilder machte, der kann das auch digital. Wer nie fotografiert hat, der muss auch digital erstmal lernen. In meinem Kollegenkreis mache die gute Bilder, die schon immer fotografiert hatten. Allerdings muss ich auch sagen, das ich Ingenieur bin und auch meine 55jährigen Kollegen virtuos mit Computern umgehen können. Recht geben tue ich dir in der Hinsicht, dass es nichts bringt noch mit Film zu arbeiten. Ich war vor vier Jahren so begeistert von der digitalen Fotografie, dass ich nie mehr ein analoges Bild gemacht habe.
Gruß
Hi Christof,
hoffe ich bin dir mit dem Artikel nicht zu nahe getreten. Ich sage nicht, dass alle älteren Fotografen schlecht sind, sondern schildere nur eine Beobachtung die ich unter einigen Kollegen gemacht habe.
lg